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Bericht aus einem fremden Universum
Sonntag, 21. Februar 2010
Lara Fritzsche ist zirka 26, ihr Buch über die „unbekannte Welt der Abiturienten“ trägt den immer noch schönen Titel Das Leben ist kein Ponyhof, und wer das entspannt lesen kann, ist vermutlich selbst Abiturient.
Ältere Semester hingegen blicken behind enemy lines in ein veritables Vakuum und erholen sich wohl kaum mehr davon. Wer Kinder hat und meint, mit dem schicken Satz „Wir waren ja auch mal jung“ irgendeinen gut gemeinten Schulterschluss herstellen zu können, irrt jedenfalls gründlich – nicht nur hinsichtlich der Generation der heute Sechs- bis Zehnjährigen, die bereits voll vernetzt zur Welt gekommen ist. Auch die Welt der aktuellen Abiturienten ist offenkundig Lichtjahre von der entfernt, die ein heutiger seniler Mittvierziger selbst im Alter von achtzehn Jahren bewohnen durfte (oder musste).
Fritzsches Buch ist vor allem deshalb erhellend, weil sie selbst „unsere“ alte Welt gar nicht kennt, ja, nicht einmal ahnt. Sie beschreibt das Umfeld, in dem junge Menschen aufwachsen, ohne zu werten – und ohne zu vergleichen, weil ihr die Möglichkeit fehlt. Gnade der späten Geburt.
Mir hingegen war bis zur Lektüre nicht klar, dass nicht nur die angeborene Vernetzung, das angeborene Handy, das angeborene Alles-ist-jederzeit-verfügbar, das angeborene Parallel-Second-Life-Facebook-Leben massive Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung haben und damit auf das Basisverständnis von solch altmodischen Konzepten wie Gerechtigkeit, Demokratie und Moral, sondern dass auch die angenehmen Kleinigkeiten den Kohl durchaus anfetten. Mir war, offen gestanden, zum Beispiel nicht vollständig bewusst, dass es einen himmelweiten Unterschied macht, ob man als interessierter 13jähriger mit Papas heimlicher Playboy-Sammlung aus dem Sockenschrank aufwächst oder mit Youporn. Fritzsche weiß diesbezüglich allerhand Interessantes zu berichten, und die Implikationen ziehen vermutlich auch jedem Alt-68er die Schuhe aus.
Denkt man sich die Menschen, die Fritzsche beschreibt, zehn Jahre weiter und stellt sie spaßeshalber in die dann noch deutlich kompliziertere Welt, die wir gemeinsam zu bewohnen haben, darf man jedenfalls gespannt sein. Ebenso wie der Revolver, den man dabei auf dem Schoß haben sollte, neben einem koffeinfreien Kaffee und einem guten Buch.
(Ich frage mich nur: Wenn 98% der Meinung sind, Ihnen sei ein Leben als mindestens J. Lo, Leo di Caprio oder Vorstand von Goldman Sachs zugedacht, wer windelt dann in 20 Jahren die 50% Pflegefälle, aus denen die Bevölkerung dann besteht? Also, uns ...)
Aber garantiert schaffen wir´s auch dann noch, eine Alten-WG zu gründen (ohne Pfleger), um uns dort im Kreise unserer sabbernden Freunde mit Bacardi-Cola zuzudröhnen und in Erinnerungen zu schwelgen. Wer schon mal üben und seufzen möchte, „Ach, war das schön, als subversiv noch ging!“, der gönnt sich 6 Stunden mit den alten Säcken von Monty Python, denn die aktuell letzte Dokumentation über das Leben der verbliebenen 5 Herren ist liebevoll gemacht und äußerst unterhaltend geraten. Mit sehr viel Spam. Almost The Truth – The Lawyer´s Cut.
P.S.: Im übrigen gestehe ich, dass ich sehr glücklich darüber bin, dass der Atrium-Verlag dieser Tage Groucho Marx´ zwei beste Autobiographien neu und schön als Hardcover auflegt, unter dem Titel Groucho und Marx. Möge es Nikolaus Hansen zu Ruhm und Ehre gereichen und für den Verlag gut ausgehen. Andernfalls, tapfere Mitstreiter, bringe ich Pflaster vorbei und meinen Spezialharakiriorden am Bande (der eingebaute Happy-Meal-Chip kann allerdings nur The Final Countdown, Bizet war aus).